Klaus Rohwer | Kleine Mundharmonikakunde | |||||||||||||||
Startseite privat Hobbies... Mundharmonika: Jazz | Zurück zum Anfang der Kleinen Mundharmonikakunde Chromatische Mundharmonikas Chromatische Mundharmonikas mit Schieber Wendet man dieses Prinzip auf Mundharmonikas in Richter-Stimmung (siehe oben) an, so erhält man zwar chromatische Mundharmonikas, aber -- abgesehen von der Kernoktave -- keine über mehrere Oktaven durchgehenden chromatischen Tonleitern. Solche Instrumente werden von der Firma Hohner [5] unter den Namen Koch Chromatics (früher von der Fa. Koch hergestellt) und Slide Harps (Abb. 15) vertrieben und sind eher als Übergangsformen von der diatonischen zur chromatischen Mundharmonika zu verstehen (siehe Abb. 2b, unten). Sie werden von Hohner daher auch unter den diatonischen Instrumenten geführt. Koch Chromatics unterscheiden sich von Slide Harps dadurch, dass letztere mit Ventilen ausgestattet sind. Das macht sie zwar lauter als die Koch Chromatics, schränkt dafür aber die Möglichkeiten des bendings ein. Die Firma Seydel bietet ein entsprechendes Modell unter dem Namen Chromatic Richter Blues an.
Wendet man das Schieberprinzip auf Mundharmonikas in Solo-Stimmung an, so erhält man die eigentlichen chromatischen Mundharmonikas oder chromatischen Solo-Mundharmonikas, die die verbreitetste Form der chromatischen Mundharmonika darstellen (Beispiel in Abb. 16; zur Tonanordnung siehe Abb. 2, oben). Weil man auf ihnen fortlaufende chromatische Tonleitern spielen kann, stehen ihnen alle Musikstile offen, die auf diesen Tonleitern beruhen. Das schließt vor allem den Jazz und die klassische Musik ein. Als Altmeister der Jazzmundharmonika sei vor allem Jean "Toots" Thielemans (Belgien) [11] genannt, doch gibt es mittlerweile eine ganze Reihe guter Mundharmonikaspieler auf diesem Gebiet (eine Übersicht findet sich unter [12]). Als hervorragender Vertreter der klassischen Musik sei Franz Chmel (Österreich) [13] angeführt.
Chromatische Mundharmonikas werden oft auch als Chromonika oder Chromonica bezeichnet, doch dies ist eigentlich falsch: bei diesen Namen handelt es sich um (geschützte) Modellbezeichnungen der Fa. Hohner für den deutschen bzw. internationalen Markt. Mundharmonikaspieler unter sich sprechen dagegen häufig einfach von "Chrom", wenn sie die chromatische Mundharmonika meinen. Chromatische Mundharmonikas gibt es mit zwei bis vier Oktaven Umfang. Zweioktavige Instrumente sind allenfalls für Anfänger geeignet, am verbreitetsten sind Instrumente mit drei Oktaven. Will man klassische Musik werkgetreu spielen, so ist eine vieroktavige Mundharmonika erforderlich (Beispiel in Abb. 17). Im Jazz kommt es auch relativ häufig vor, dass der Tonumfang einer gewöhnlichen dreioktavigen Mundharmonika nach unten hin nicht ausreicht. Für diese Fälle muss man jedoch nicht unbedingt auf ein vieroktaviges Instrument zurückgreifen, sondern es gibt dreioktavige Instrumente, die um eine Oktave tiefer gestimmt sind als gewöhnlich. Diese Stimmung wird als "Tenor" (Hohner [5]), "Bariton" (Seydel [9]) oder "Baritono" (Hering [14], Abb. 18) bezeichnet und ist nicht bei allen Modellen verfügbar. (Die gewöhnliche Stimmung chromatischer Mundharmonikas müsste demnach wohl als "Sopran" angesprochen werden, doch taucht diese Bezeichnung bisher nirgends auf.)
Auf chromatischen Solo-Mundharmonikas kann man sich nicht mehr ohne weiteres selbst begleiten, indem man die Zungenschlagtechnik für das Spielen von Akkorden verwendet, denn diese Akkorde sind -- wie bei diatonischen Solo-Instrumenten -- nicht vorhanden. In dieser Hinsicht sind die Koch Chromatic und die Slide Harp überlegen, da sie auf der Richter-Tonanordnung (siehe oben) beruhen. Um die Vorteile der chromatischen Solo-Mundharmonika mit denen der diatonischen Mundharmonikas mit Schieber zu verbinden, erfand Cham-Ber Huang [15] (in seiner Zeit bei Hohner) die Chordomonica, die eine abweichende Tonanordnung besitzt. Es gab sogar eine Ausführung mit einem zweiten Schieber, der noch die Auswahl anderer Begleitharmonien zuließ. Chordomonicas werden derzeit weder von Hohner noch von Huang serienmäßig gebaut, aber die Firma Seydel hat ein entsprechendes Modell unter dem Namen Chor herausgebracht. Diese Mundharmonika ist aber strenggenommen keine chromatische, sondern wiederum eine diatonische, denn es fehlt eine Reihe von Halbtönen. Sonderstimmungen chromatischer Mundharmonikas Das beginnt mit Instrumenten, deren Grundton ein anderer ist. So ist es zum
Beispiel im Bereich der Musik, die für konventionelle Blasinstrumente wie
Trompete oder Saxophon geschrieben wurde, üblich, diese nach Noten
spielen, die zwar scheinbar in C-Dur stehen, aber es erklingt Bb-Dur (sog.
Transponierende Instrumente). Das betrifft die gesamte "Blasmusik",
aber auch Teile des Jazz. Daher kann es für einen Mundharmonikaspieler
sinnvoll sein, eine Bb-gestimmte chromatische Mundharmonika dabei zu haben, um
nach Noten für (andere) Bläser spielen zu können. Weitere Sonderstimmungen sind von den Mundharmonikaherstellern jedoch kaum zu bekommen (mit einer Ausnahme, siehe unten), sondern man muss sie sich entweder selbst herstellen (durch Umstimmen) oder bei einem sogenannten customizer bestellen. Brendan Power [16] -- nicht nur customizer, sondern auch selbst hervorragender Mundharmonikaspieler - beispielweise bietet folgende Sonderstimmungen an (Stand: Januar 2008):
Eine Ausnahme bildet der Mundharmonikahersteller Seydel in Klingenthal (sächs. Vogtland): Die Eddie-Clarke-Stimmung, auch als Paddy-Richter-Stimmung bezeichnet, wird dort serienmäßig gebaut, andere Sonderstimmungen kann man gegen einen moderaten Aufpreis bestellen. Mundharmonikas mit fortlaufend chromatischer Tonanordnung
Ähnlich ist der konstruktive Ansatz bei der Tombo Chromatic Single [7], bei der jedoch zwei leicht gegeneinander versetzte Kanzellenreihen übereinander angeordnet sind, wobei sich auf der unteren Reihe die Töne der C-Dur- und auf der oberen Reihe die Töne der Cis-Dur-Tonleiter befinden (Abb. 20). Die Tonanordnung wäre damit ähnlich wie bei einem Klavier (schwarze/weiße Tasten), doch befinden sich zwischen den Tönen A und B(H) bzw. A# (Ais) und B#(His = C) jeweils breitere Stege, die angeblich die Orientierung auf dem Instrument erleichtern sollen.
Daneben werden vom selben Hersteller auch Instrumente angeboten, bei denen die untere Reihe gleichmäßig geteilt ist, während die obere -- diesmal tatsächlich ganz entsprechend der Klaviatur -- nur diejenigen Töne trägt, die den schwarzen Tasten entsprechen, und diese sind in ihrer Lage auch entsprechend zu den Kanälen der unteren Reihe angeordnet. Diese Instrumente umfassen drei Oktaven und werden je nach Tonlage als Soprano Pipe Horn bzw. Alto Pipe Horn (Abb. 21) bezeichnet. Über die praktische Einsatzfähigkeit ist dem Autor derzeit nichts bekannt.
Weiter zum Thema Elektrische und elektronische Mundharmonikas Ich danke den Firmen Hohner, Huang Inc. und GEWA (deutscher Distributor für Huang, Victory und Tombo-/Lee-Oskar-Produkte) für die Bereitstellung von Abbildungen. Weitere Abbildungen habe ich den Internetseiten der jeweiligen Hersteller entnommen. | |||||||||||||||
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